Sozialer Status der Berufsbildung

KOF Konjunkturforschungsstelle / ETH Zürich

Förderbereich

Forschung

Fördersumme

CHF 300‘000

Förderlaufzeit

2014 - 2021

Partner

Das Projekt wurde vom Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich und das Nachfolgeprojekt durchgeführt. Vertragspartner der Hirschmann-Stiftung ist die ETH Foundation Zürich.

Projekt-Website

kof.ethz.ch/forschung.html

ces.ethz.ch

Hintergrund

Die Berufsbildung ist in der Schweiz bei Weitem der von Jugendlichen bevorzugte Bildungsweg. So hat auch im Qualifikationsprofil von Schweizer Unternehmen die Mehrheit der Mitarbeitenden eine Berufsbildung abgeschlossen.

Schweizer Zeitungen berichten jedoch zunehmend vom tiefen sozialen Status der Berufsbildung im Vergleich zur gymnasialen und akademischen Ausbildung. Dies widerspiegle sich einerseits im grossen Andrang an die Gymnasien und andererseits in den Schwierigkeiten der Firmen bei der Suche nach Berufslernenden mit hohen schulischen Kompetenzen.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist nur wenig zum sozialen Status der Berufsbildung, das heisst zu deren relativen Positionierung im Vergleich zu anderen Bildungsgängen, bekannt.

Methode

Vor diesem Hintergrund untersuchte der Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich die zeitliche Entwicklung des sozialen Status der Berufsbildung in der Schweiz sowie dessen Bestimmungsfaktoren anhand einer neuen Messgrösse.

Diese Messgrösse basiert auf der Annahme, dass sich mit einem höheren sozialen Status der Berufsbildung schulisch bessere Jugendliche für eine Berufslehre entscheiden – sofern die anderen Rahmenbedingungen gleichbleiben.

Dies widerspiegelt sich darin, dass die relativen schulischen Kompetenzen, gemessen anhand von PISA Kompetenzen, von zukünftigen Berufslernenden im Vergleich zu denjenigen von zukünftigen Gymnasiast:innen ansteigen.

Ergebnisse

Die Analysen zeigen, dass sich der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz zwischen 2000 und 2012 nicht geändert hat.

Dies überrascht angesichts der oben erwähnten Diskussion in Zeitungen und deutet darauf hin, dass die Reformanstrengungen und Informationskampagnen zur Berufsbildung einer Abwertung des sozialen Status der Berufsbildung entgegenwirken konnten. Hingegen ist der soziale Status der Berufsbildung nicht in allen Regionen gleich.

So schätzen Jugendliche auf dem Land den sozialen Status der Berufsbildung eindeutig höher ein als diejenigen in der Stadt. Was die Sprachregionen betrifft, ist der soziale Status der Berufsbildung mit der hier verwendeten Messgrösse erstaunlicherweise am tiefsten in der Deutschschweiz.

Dies bedeutet, dass die relativen Kompetenzen der angehenden Berufslernenden im Vergleich zu angehenden Gymnasiast:innen in der Deutschschweiz tiefer sind als in der lateinischen Schweiz.

Dabei sind die Kompetenzen der angehenden Berufslernenden in der ganzen Schweiz in etwa gleich hoch, während die Kompetenzen der zukünftigen Gymnasiast:innen in der Deutschschweiz um einiges höher sind als in den anderen Sprachregionen.

Auch die kulturelle Herkunft hat einen Einfluss auf die Einschätzung des sozialen Status der Berufsbildung. So ist dieser höher aus der Sicht von in der Schweiz geborenen Jugendlichen als von Jugendlichen, die im Ausland geboren sind. Allerdings gleicht sich die Wahrnehmung der immigrierten Jugendlichen mit zunehmendem Aufenthalt in der Schweiz den anderen an.

Es ist deshalb anzunehmen, dass der unterschiedliche Wissensstand zum Bildungssystem und damit auch zu den Vorzügen der Schweizer Berufsbildung ein möglicher Grund für den unterschiedlichen sozialen Status der Berufsbildung ist.

Publikation

Im April 2018 publizierte die KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich, als ein Ergebnis der Forschungsprojekts eine Informationsbroschüre für Fachleute aus der Berufsbildung unter dem Titel "Der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz".

Die Wertschätzung der Berufsbildung und deren Bestimmungsfaktoren stehen im Fokus. Die Autoren Dr. Thomas Bolli, Ladina Rageth und Dr. Ursula Renold haben ein Konzept zur Messung des sozialen Status der Berufsbildung entwickelt.

Die Analysen basieren auf Daten der Internationalen Schulleistungsuntersuchungen PISA. Beigezogen wurden die Daten von rund 63000 Schülern der 9. Klasse, die in den Jahren 2000, 2003, 2006, 2009 und 2012 an den PISA-Tests teilgenommen haben.

Die Schüler haben angegeben, ob sie im Anschluss an die obligatorische Schulzeit ein Gymnasium, eine Fachmittelschule, eine Berufsausbildung oder eine berufliche Vollzeitschule besuchen wollen.

Ein Zwischenbericht zum Forschungsprojekt wurde im Juni 2016 unter dem Titel "Leistungsstarke Jugendliche stärken das Ansehen der Berufsbildung" in der Zeitschrift "Die Volkswirtschaft" des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO publiziert.

In einer Infografik sind zudem die wichtigsten Ergebnisse auf einer Seite anschaulich zusammengefasst.

Nachfolgeprojekt: Die Sicht der Unternehmen in der Schweiz

Der soziale Status der Berufsbildung aus der Sicht von Unternehmen ist in der Schweiz von doppelter Bedeutung: Er beeinflusst sowohl die beruflichen Karrieremöglichkeiten von Personen mit einem Berufsbildungsabschluss als auch das Lehrstellenangebot durch Lehrbetriebe. Deshalb untersuchte dieses nachfolgende Forschungsprojekt von 2018 - 2022 den sozialen Status der  Berufsbildung aus der Sicht von Unternehmen in der Schweiz. Der soziale Status der Berufsbildung wird dabei definiert als die Wertschätzung von Berufsbildungsabschlüssen im Vergleich zu akademischen Bildungsabschlüssen durch Unternehmen sowie Personal- und Ausbildungsverantwortliche.

Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wurde einerseits der soziale Status der Berufsbildung (das heisst der beruflichen Grundbildung und der höheren Berufsbildung) aus der Sicht von Unternehmen erhoben. Andererseits wurde untersucht, inwiefern es Unterschiede gibt basierend auf Merkmalen der Unternehmen (z.B. Anzahl Angestellte) und der in die Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden involvierten Personen (z.B. deren Herkunft und Bildungshintergrund)

Ergebnis Nachfolgeprojekt

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Unternehmen in der Schweiz die Abschlüsse der beruflichen Grundbildung und der höheren Berufsbildung bei der Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden schätzen. 

Im Schlussbericht werden die Methode, die Ergebnisse und die Publikationen der Forschungsarbeit zusammenfassend erläutert.